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Immer wesentlicher wird für viele Gruppen inzwischen die „Arbeit mit dem Nervensystem“. Schon in meinem Studium der Psychologie in den 1980er Jahren habe ich gelernt, wie das autonome Nervensystem die Grundlagen unseres Erlebens und Verhaltens steuert, aber erst in den letzten Jahren ist sich dieses Wissen auch wirklich in meiner Selbsterkenntnis und Arbeit mit Gruppen gelandet.
Unser autonomes Nervensystem ist evolutionär älter als alles andere. Es regelt die grundlegenden Funktionen und legt die Basis unseres Erlebens und Verhaltens.
Das sogenannte autonome Nervensystem besteht aus zwei Zweigen, dem Sympathikus und dem Parasympathikus (Vagus).
Der Sympathikus ist für Aktivierung zuständig. Er schüttet Adrenalin und andere Botenstoffe aus, den Körper zu aktiver Leistung befähigen. Sein Gegenspieler, der Parasympathikus (auch Vagus-Nerv genannt) steht im Normalzustand für Ruhe und Entspannung.1 Beide Zweige des autonomen Nervensystems sind mit allen Organen verbunden und sie bestimmen unsere vegetativen Funktionen.
Im Normalfall balancieren sich Sympathikus und Parasympathikus aus und sorgen in ihrer Balance für ein angemessenes Gleichgewicht zwischen Erregung und Entspannung. Dann sind wir im „Grünen Bereich“ – wir können uns erholen, wir können kreativ denken, uns konstruktiv unterhalten, neue Lösungen finden, Arbeit verrichten.
Wenn wir dabei in Stress kommen, dann steigert sich zunächst die Aktivität des Sympathikus. Er sorgt dafür, dass wir unsere Reserven mobilisieren, und mehr Kräfte entwickeln. Dann sind wir zunächst fokussierter, die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf einzelne Bereiche. Im Positiven ist das ein „Flow“ der entsteht, in dem man Kreativität und ungeahnte Kräfte entwickelt. Dann sind wir noch im Grünen Bereich.
Wenn die Erregung jedoch stärker wird, kommen wir in den gelben Bereich, und der Sympathikus tut das, was er tat, als wir noch in der Natur lebten, und die wesentlichen Gefahren von großen Raubtieren ausging. Er bereitet uns auf die Optionen: „Kampf oder Flucht?“ vor. Dafür geht alle Energie in die Muskeln, das Großhirn wird weitestgehend lahmgelegt, die Empathiefähigkeit schwindet, auch die Weiterleitung von Gehörtem funktioniert nicht mehr richtig.
Wenn die Situation so brenzlig ist, dass keine Flucht mehr möglich ist, reagiert das vegetative Nervensystem mit dem Parasympathikus. Der Parasympathikus ist in der Regel verantwortlich für Entspannung, aber eine Überreaktion des Parasympathikus bewirkt Angststarre, Dissoziieren, Empfindungslosigkeit und Ohnmachtsgefühle. Auch dies war hilfreich im Überlebenskampf unserer Vorfahren – tote Tiere sind weniger beliebte Opfer von Raubtieren, aber weder Totstellen noch Kampf oder Flucht sind heutzutage konstruktive Lösungsmöglichkeiten.

Für sehr viele soziale Situationen ist es total hilfreich, zu wissen, dass diese Reaktionen auch in unserem Alltag in der industrialisierten Welt ständig stattfinden. In Stresssituationen springt häufig das autonome Nervensystem an und wir reagieren mit den evolutionär angelegten Strategien: Kampf, Flucht oder Totstellen. Alle drei sind selten vorteilhaft in den sozialen Situationen.
Alle Ressourcen wie Sauerstoff, Blut und Zucker werden an die Muskeln umgeleitet, damit wir der Gefahr begegnen können. Die Aktivierung unseres Nervensystems schwächt leider all unsere Eigenschaften, die wir brauchen, um konstruktiv Konflikte zu lösen. So ist bewiesen, dass wir in aktivierten Situationen schlechter zuhören können, die Weiterverarbeitung von verbalen Reizen ist gestört. Auch können wir Freund:in und Feind:in schlechter unterscheiden und nehmen neutrale Gesichtsausdrücke meist schon als feindlich wahr.
Auch sind Menschen im erregten Zustand deutlich ich-zentrierter und haben wenig Empathievermögen. Mitleid mit den hungrigen Babies der Bärin, die angreift, ist meistens keine gute Idee, wenn man überleben möchte – und daher hat diese Reaktion sich evolutionär durchgesetzt.
Um wieder konstruktiv in sozialen Prozessen sein zu können, ist stets die Voraussetzung, zunächst das Nervensystem (wieder) zu beruhigen. Wissen darum ist sowohl für diejenigen hilfreich, die gerade im Erregungszustand sind, wie auch für diejenigen, die diesen Menschen begegnen, und ganz besonders wichtig für Menschen, die Gruppenprozesse begleiten – denn dort begegnen wir diesem Phänomen ständig!
Selbst-Regulationsfähigkeit
nennen wir die Fähigkeit, eigene Erregungszustände zu erkennen und selber wieder zu regulieren. Eine ganz wichtige Eigenschaft, die allerdings leider sehr wenig verbreitet ist. Und gleichzeitig gar nicht so schwer: Auf den eigenen Körper achten, merken, wenn ich mich anspanne, schneller und lauter spreche, in Hektik komme, das sind die ersten Anzeichen. Wenn ich schon „angetriggert“ bin und explosiv auf etwas reagiere, ist es auch hilfreich, wenn ich das einordnen kann und mit einem Teil meines Bewusstsein noch weiß: Da bin ich jetzt in den gelb-roten Bereich gekommen. Denn wenn es mir klar wird, habe ich den wichtigsten Schritt schon getan, dann kann ich damit umgehen.
Wege zur Selbstregulation können sein:
- Bewusst atmen, und dabei länger ausatmen als einatmen.
- Sich selber berühren.
- Ganz bewusst auf die Wahrnehmung achten: Fünf Dinge, die man sieht, (lautlos zu sich selber) nennen, vier, die man hört, drei, die man spürt, ein bis zwei, die man riecht. Das verbindet wieder mit dem Körper.
- Ganz bewusst auf den Körper achten.
- Strecken, Räkeln, Springen, Hüpfen, Schütteln.
- Eine Pause machen.
- Kurz aus der Situation rausgehen (z.B. auf Toilette gehen).
Co-Regulation
Wenn wir nicht die Person sind, die schon im gelb-roten Bereich ist, sondern einer Person gegenüberstehen, deren autonomes Nervensystem die Kontrolle übernommen hat, können wir durch Co-Regulation manchmal darin unterstützen, dass diese Person wieder in den grünen Bereich kommt.
Ein wichtiges Mittel zur Co-Regulation ist Körperkontakt. Aber: das hängt natürlich sehr an der Beziehung: Wenn ich mit jemand in einem Konflikt bin, diese Person deshalb erregt ist, dann ist es wenig hilfreich, in dem Moment anzubieten: „Darf ich Dich mal in den Arm nehmen?“ Das wird vermutlich die Erregung steigern. Gleichzeitig ist aber Körperkontakt vermutlich das evolutionär wesentlichste Mittel zur Co-Regulation – wenn die Beziehung stimmt und die Person offen dafür ist. Ob das eine Umarmung, ein vorsichtiges Fassen der Hand, eine Hand auf der Schulter oder ähnliches ist: Da ist wichtig, das Einverständnis der Person einzuholen. Und nicht die Erregung wegzureden, sondern einfach die Gefühle, den Körperkontakt und das angespannte Nervensystem da sein zu lassen.
Da wir Menschen soziale Wesen sind, spiegeln wir oft das Verhalten der Anderen. So kann Co-Regulation häufig auch dadurch geschehen, dass man mehrfach tief ausatmet, meistens führt das dazu, dass das Gegenüber ebenfalls tief ausatmet. Oder auch Bewegungen wie Schütteln oder Räkeln einfach selber initiiert, vielleicht mit einem Satz wie: „Oh, das hört sich aber echt anstrengend an!“ die das Gegenüber dann spiegeln kann.
Mitgefühl aussprechen, die Bedeutung der Erregung anerkennen – ohne inhaltlich einzusteigen! All das sind sinnvolle Mittel der Co-Regulation. In dieser Phase ist es nicht hilfreich, den inhaltlichen Faden, der zur Erregung geführt hat, weiterzuführen – erst braucht es Beruhigung! Das gelingt allerdings selten durch die Aufforderung: „Jetzt beruhig Dich doch erstmal!“
Wichtige Tugend für die Zeug:innen von erregtem Verhalten: Einordnen von Reaktionen aus dem gelb-roten Bereich
Neben der wachsenden Selbsterkenntnis, wann ich selber im gelb-roten Bereich bin, war für mich die wichtigste Lehre aus der Beschäftigung mit dem Thema „Nervensystem“, dass ich gelernt habe, die Reaktionen erregter Menschen anders einzuordnen.
Im erregten Zustand ist die Reizweiterleitung vom Ohr zum Gehirn gestört. Wer hat nicht schon erlebt, dass man sich im oder nach einem Streit vorwirft: „Aber hast Du nicht gehört, dass ich gerade gesagt habe, dass …!“ Tatsächlich kann man mit den neueren Erkenntnissen aus der Trauma- und Stressforschung nun verständlich machen, dass Menschen in einer gestressten Situation Informationen aufgrund ihrer körperlichen Verfassung nicht aufnehmen können.
Es ist also nicht ein Zeichen vom schlechten Charakter, sondern quasi ein Naturgesetz, dass das Gegenüber vieles nicht gehört hat, was alles konstruktives und verbindendes gesagt wurde. Denn das kann nur im entspannten Zustand gehört werden.
Auch haben viele Experimente ergeben, dass im erregten Zustand Gesichtsausdrücke deutlich feindlicher wahrgenommen werden als im grünen Bereich. Dass Menschen also die Brücken, die wir ihnen eigentlich bauen wolle, nicht wahrnehmen, sondern auf einmal alle als Feinde wahrnehmen, ist ebenfalls mit Nervensystemtheorie zu erklären.
Das alles zeigt, wie wichtig es ist, vor einer weiteren Diskussion zunächst die Nervensysteme zu beruhigen. Ohne das ist kein konstruktives Weiterkommen möglich.
Konsequenzen für die Moderation von Gruppengesprächen
Für Menschen, die Gruppengespräche moderieren (egal, ob mit offiziellem Auftrag, oder weil man gerade am Familientisch in eine Situation geraten ist, in der die Nervensysteme hoch gegangen sind) bedeutet dieses Wissen in der Regel: Verlangsamung und Sicherheit schaffen. Schnelles, zielorientiertes Handeln ist hier fehl am Platze – auch Probleme werden in diesem Erregungszustand nur höchst selten gelöst. Wichtiger ist, zur Entspannung beizutragen und bewusst ganz langsam zu werden. Auch hier kann vieles eingesetzt werden, was bereits bei Selbst- und Co-Regulation vorgeschlagen wurde – einfach bei sich selber oder auch als Aufforderung an die Anwesenden. Durchzuatmen, vielleicht eine Pause machen, alle zu einem kurzen Spaziergang schicken, oder zum Schütteln einladen, um aufgestaute Energie loszuwerden.
Ablenken, und vom Wetter reden ist eine Tendenz, die an Familientischen gerne gewählt wird – es kann in seltenen Fällen die einzig sinnvolle Strategie sein. Hilfreicher ist allerdings, die Erregung wirklich anzuerkennen, und ihr Raum zum Setzen zu geben, und das Thema dann mit entspannterem Nervensystem nochmal auf der kognitiven Ebene anzusprechen. Denn Konflikte bergen stets eine Lernchance. Und wenn die größte Erregung vorbei ist, kann man auch wieder auf der kognitiven Ebene einsteigen.
Traumasensibilität als Schlüssel – manchmal auch als Hemmschuh?
Alles, was ich hier vorstelle, habe ich von Menschen gelernt, die sich viel mit dem Thema „Trauma“ beschäftigen. Hier wurde vieles dazu beforscht und entwickelt. Denn wenn Trauma im Spiel ist, kommen Menschen sehr schnell in den roten Bereich. Für mich haben diese Erkenntnisse viel in meinem persönlichen Leben und meiner Arbeit mit Gruppen verändert. Die Grundlagen der Traumainformiertheit und die Nervensystem-Theorie sind ein essenzieller Schlüssel für konstruktive Gruppenprozesse.
Und gleichzeitig erlebe ich es immer wieder, dass Menschen die Trauma-Theorie, aus der viele der Erkenntnisse kommen, als Grundlage nehmen, um sich mit dem Argument „Da ist mein Trauma berührt und ich bin im roten Bereich!“ aus jeglicher Verantwortung für ihre eigenen Prozesse schleichen wollen. Daher bin ich sehr dankbar, auf den Artikel von Veit Lindau „Wir schonen uns schwach! Traumasensible sein ist wichtig, traumafixiert leben ist gefährlich.“ gestoßen zu sein, der dieses Thema auf eine mir sehr angenehme Art beleuchtet. Er betont – bei aller Wertschätzung für eine trauma-sensible Kultur – dass es dabei nicht darum gehen darf, alle eventuellen Trigger-Punkte zu umgehen. Er betont die Bedeutung davon, mit den eigenen Traumata umgehen zu lernen und sich bewusst und dosiert auch den eigenen Triggern auszusetzen. „Ein Muskel wächst nicht, weil er geschont wird. Er wächst, weil er belastet und dann erholt wird. Das Nervensystem funktioniert nach demselben Prinzip. Wer sich systematisch vor jeder Zumutung schützt, fördert nicht Heilung, stärkt nicht Selbstwirksamkeit. Er trainiert Hilflosigkeit.“
Die richtige Balance zu finden zwischen Trauma-Sensibilität und Wachsen an den Herausforderungen ist sicher nicht immer einfach – aber der Weg dorthin trägt zu persönlichen Wachstum und zu Wachstum der Kommunikationskultur einer Gruppe bei.
1In der in meinen Kreisen viel zitierten Polyvagaltheorie nach Porges werden häufig zwei Vagus-Nerven, der dorsale und der ventrale Vagus benannt und mit unterschiedlichen Funktionen und evolutionärer Geschichte erklärt. Beide Nervenstränge sind wissenschaftlich belegt, allerdings wird in der Neurowissenschaft Porges’ klare Unterscheidung der Funktionen und evolutionären Entwicklung von dorsalen und ventralem Vagus als widerlegt angesehen. Unbestritten ist jedoch die Grundannahme, dass das autonome Nervensystem eine wichtige Rolle spielt und dass die praktischen Konsequenzen der Polyvagaltheorie für die Anwendung sehr wichtig sind. Ich bleibe aber daher einfach bei dem altmodischen „Sympathikus und Parasympathikus“ und nutze nicht die aktuell häufig genutzte Unterscheidung zwischen Sympathikus, dorsalem und ventralem Vagus.
