Was hat unser Nervensystem mit unserer Konfliktfähigkeit zu tun?
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Wir Menschen halten uns für reflektierte Wesen und erwarten in Diskussionen und Auseinandersetzungen, dass es um Argumente geht, und wir auf rationale Art zu guten gemeinsamen Entscheidungen kommen können. Das ist ein Idealbild, das leider häufig an der menschlichen Realität scheitert. Denn wir sind nicht nur rationale Wesen, wir sind in erster Linie Lebewesen, die im Laufe der Evolution ein ganz eigenes System entwickelt haben, mit Bedrohungen umzugehen. Und das reagiert schneller als unser Großhirn – und beeinflusst Situationen, in denen unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen, sehr stark.
Menschen reagieren auf Bedrohung mit erregtem Nervensystem

Wo Menschen miteinander etwas gestalten wollen, prallen unterschiedliche Meinungen aufeinander, und schnell passiert es, dass sich daraus für eine Seite oder häufig auch für beide Seiten ein Gefühl der Bedrohung ergibt: „Da wird das, was ich möchte, von anderen bedroht!“ Und wir sind neurophysiologisch so ausgelegt, dass wir auf Bedrohungen immer noch genauso reagieren, wie unsere Vorfahren als Höhlenbewohner reagierten: Unser vegetatives Nervensystem reagiert mit Erregung, bevor unser Verstand sich überhaupt einschalten kann. In der Regel schaltet sich erst der Sympathikus ein, der uns aktiviert und so Kampf oder Flucht ermöglicht. Wenn gar keine Chance gesehen wird, werden Sympathikus und Parasympathikus beide hoch gefahren – und der Totstellreflex wird aktiviert.
Keine der Reaktionen „Kampf, Flucht oder Totstellen“ ist besonders hilfreich im Lösen von Konflikten und im konstruktiven Umgang mit Unterschieden.
Nicht nur werden wir zum Kämpfen, Rausrennen oder in Starre verfallen angeregt, sondern es passieren auch noch andere Prozesse in unserem Körper, die wichtig zu verstehen sind.
Anspannung reduziert unsere Fähigkeit, zuzuhören.
Sobald das Nervensystem auf „Gefahr“ oder „Alarm“ schaltet (Sympathikus-Aktivierung), verändert das Gehirn die Prioritäten. Für das nackte Überleben ist es in der Natur völlig unwichtig, einem netten Gespräch zuzuhören. Wichtig ist stattdessen, den herannahenden Feind zu hören. Das Gehirn gibt dann den Befehl: „Filter ausschalten!“
Weil der Filter ausfällt, strömen plötzlich alle Geräusche ungefiltert und gleich laut in dein Ohr. Wenn dir in diesem Moment jemand etwas erzählt, passiert der sogenannte „Cocktailparty-Effekt“: Die Stimme des Gegenübers geht im Brei der Hintergrundgeräusche komplett unter. Man hört zwar, dass die Person spricht, aber das Gehirn hat es in diesem Zustand sehr viel schwerer, die Wörter nzu einem Sinn zusammensetzen, vieles zieht einfach an ihnen vorbei. Das Zuhören ist in diesem Moment rein physiologisch blockiert.
Sich dieses bewusst zu machen, hat mir schon viele Reaktionen in Konflikten erklärt, wo ich früher dachte: „Ich bin ihr doch in diesem und jenem Punkt entgegengekommen, hat sie das nicht gehört?“ Nein – sie konnte es nicht hören.
In erregtem Zustand können wir Freund und Feind nicht mehr unterscheiden.
Die Wahrnehmung verändert sich deutlich. Experimente zeigen, dass Menschen, die in einen Erregungszustand versetzt wurden, Gesichtsausdrücke und Äußerungen deutlich anders interpretieren als Menschen, die in einem entspannten Zustand sind. Menschen in erregtem Zustand nehmen neutrale Gesichtsausdrücke und neutrale Äußerungen als feindliche Ausdrücke wahr.
Wenn uns diese beiden Fallen bewusst sind, dann wird deutlich, dass es in so einem Zustand überhaupt nichts bringt, weiter zu diskutieren und nach Lösungen zu suchen. Die vordringliche Aufgabe ist dann, wieder für Entspannung zu sorgen, und erst dann kann eine konstruktive Lösungsfindung beginnen.
Mir haben diese beiden simplen Erkenntnisse seitdem schon viele Konfliktsituationen besser erklärt und auch damit ermöglicht, mein Gegenüber (und mich!) besser zu verstehen. Wenn ich es schaffe im entspannten Bereich zu bleiben, kann ich jetzt anders reagieren. Ich weiß, dass es einfach normal ist, dass Menschen im erregten Zustand die Brücken, die ich ihnen anbiete, nicht wahrnehmen können. Das Gespräch darüber braucht entspannte Nervensysteme. Die findet man vielleicht nach einer Pause, oder an einem anderen Tag, an dem man sich neu verabredet, und zunächst das verbindende betont, was Sicherheit schafft.
Was braucht es für einen neuen Umgang damit?
Wenn uns diese Fallen bewusst sind, können wir auf zwei Seiten damit arbeiten:
Selbstregulationsfähigkeit entwickeln
Selbstregulationsfähigkeit nennt man die Fähigkeit, eigene Erregungs-Reaktionen zu erkennen, und sich selber wieder in einen entspannten Zustand zu bringen. Sie ist eine wichtige soziale Tugend, aber sie wird bis jetzt noch wenig gelehrt und gelernt.
Die eigenen Reaktionen wahrzunehmen, mit Gedanken wie:„Ups, jetzt fange ich an, mich aufzuregen, mein Herz schlägt schneller, meine Anspannung wird größer“ ist der erste Schritt. Dann gibt es eine Vielzahl von Wegen, sich selber zu beruhigen. Was definitiv nicht hilft, ist sich über sich selber zu ärgern oder zu leugnen, dass man sich aufregt. Sondern das liebevoll anzuerkennen: „Ah, jetzt ist etwas in mir angetriggert. Das sagt mir vermutlich etwas wichtiges.“
Und dann ist es aber möglich, diese physiologische Aufregung zu reduzieren, und konstruktiv weiter zu arbeiten – durch tiefes Atmen, eigene Berührung, den Fokus auf die Wahrnehmung legen, kurzes Herausgehen aus der Situation. Es gibt viele Wege, sich selber zu beruhigen, was einen eigenen Artikel wert wäre, aber da es dazu schon viel im Netz gibt, verweise ich hier einfach auf einen inspirierenden Artikel von Theresa König.
Im eigenen Konflikt erregte Nervensysteme erkennen und nicht weiter eskalieren.
Sollten wir in der glücklichen Lage sein, in einer Auseinandersetzung die weniger angetriggerte Person zu sein, ist das eine echte Chance, zu einer konstruktiven Wendung der Auseinandersetzung beizutragen. Das funktioniert selten durch Aussagen wie: „Reg dich doch nicht so auf!“ Und es gibt kein Patentrezept, was immer funktioniert. Aber einige Ansätze, die funktionieren können.
Der kognitive Ansatz
wäre es, eine empathische Rückmeldung über die Erregung zu geben.„Ich merke, dass ist Dir total wichtig, und Du kommst richtig in Rage dabei!“. Die Reaktion der anderen Person so zu verbalisieren, kann bereits zur Entspannung beitragen, auf einer entspannteren Ebene weiter zu reden.
Der verkörperte Ansatz
kann sein, zum gemeinsamen Durchatmen einzuladen, entweder durch Worte oder auch einfach nur dadurch, dass man selber tief durchatmet.
In einer angemessenen Form Ruhe und Verlangsamung in den Kontakt bringen, ist elementar. Was für welche Person die angemessene Form ist, kann sehr unterschiedlich sein. Die eigene Körperwahrnehmung zu thematisieren kann der anderen Person manchmal den Impuls geben, selber in den eigenen Körper hineinzuspüren.
Selten ist es hilfreich, zu „fordern“, jetzt doch mal zu spüren, was los ist, und sich zu beruhigen.
Moderation von Gruppen-Prozessen
In akuten Situationen
Eine ganz entscheidende Rolle können Menschen spielen, die – formell oder informell – in Gruppen-Diskussionen die Moderationsrolle haben. Wenn sie den Moment erkennen, in dem die Nervensysteme beginnen, hochzufahren, und an dieser Stelle dazu einladen, zu verlangsamen, durchzuatmen, in den eigenen Körper zu spüren, oder auch eine Pause einläuten, kann viel Eskalation vermieden werden, und wieder konstruktiv auf die Sachfragen geschaut werden.
Vorbeugen ist besser als heilen
Gruppensituationen so zu designen, dass es weniger dazu kommt, dass die Nervensysteme hochfahren, ist die hohe Kunst der Moderation. Von vorneherein einen Rahmen schaffen, in dem die Nervensysteme seltener hoch fahren, sorgt für ein konstruktives Diskussionsklima. Hierfür gibt es viele kleine „Werkzeuge“. Die wichtigste Grundlage ist dabei stets: „Schaffe einen möglichst sicheren Raum für alle!“ Einige davon möchte ich hier kurz nennen:
- Eine Einstimmung, in der die Menschen angeleitet werden, den eigenen Körper wahrzunehmen und zur Ruhe zu kommen. Oder auch gemeinsames Singen zum Einstieg. Hinweis: Beides kann manche Gruppen auch überfordern und dann gerade die Nervensysteme triggern: „Was soll denn dieser Eso-Kram?“ In vielen Gruppen ist es hilfreich – aber es braucht stets „zielgruppenangepasste“ Methoden.
- Eine Check-in-Runde, in der jede Person teilt, was sie gerade bewegt. Die Frage: „Was bewegt Dich gerade?“ lädt viel mehr zum tiefen Austausch ein als „Wie geht es Dir gerade?“
Generell sorgt das Reden im Redekreis häufig für entspanntere Gespräche als offene Diskussionen. Und: Manchmal ist die Lebendigkeit einer offenen Diskussion aber auch wichtig. - Kleine Momente der Stille einbauen.
- Vor Plenumsdiskussionen die Themen in kleinen Gruppen (oder in Zweiergesprächen) mit Menschen unterschiedlicher Meinung ansprechen. Der Hintergrund: je mehr Zuhörende, je schneller reagiert das Nervensystem – und wenn ich bereits einmal in Ruhe mit einer Person, die eine andere Meinung hat, gesprochen habe, fährt das Nervensystem weniger schnell hoch.
- In Sachdiskussionen, die klar in eine Richtung zu gehen scheinen, ist es hilfreich, bewusst zu fragen: „Gibt es noch (Gegen-)Argumente, die wir noch nicht bedacht haben?“. Das gibt Menschen, die eine Gegenmeinung haben, die Sicherheit, dass ihre Beiträge willkommen sind, und sie nicht kämpfen müssen.
Eine konstruktive Konfliktkultur braucht Wissen über unser Nervensystem.
Die Reaktionen des vegetativen Nervensystems werden häufig in Zusammenhang mit Traumata gebracht. Denn ganz besonderes heftig sind die Reaktionen natürlich, wenn Traumata angetriggert werden.
Ich bin aber überzeugt davon, dass es auch ohne Trauma-Bezug für viele soziale Alltagssituationen ganz wichtig ist, zu wissen, wie sehr unser vegetatives Nervensytem unsere Reaktionen beeinflusst – und zu lernen, wie wir damit konstruktiv umgehen können. Und das muss auf drei Ebene geschehen:
- Als individuelle Arbeit mit dem Entwickeln von Selbst-Regulationsfähigkeit.
- In Zweier-Konflikten ist es toll, wenn wir eigene Erregungsmuster und die der anderen erkennen und dadurch aktiv gegensteuern können.
- Für Gruppen ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen über diese Zusammenhänge Bescheid wissen, und in Gruppensituationen zur Entspannung beitragen können – idealerweise vor einem Hochkochen der Erregung.
